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Querschnittslähmung

Was passiert bei einer Querschnittslähmung?

Weltweit erleiden Schätzungen zu Folge mehr als 250.000 Menschen eine akute Rückenmarksverletzung. Kurz zur Erklärung: Das Rückenmark verläuft im Wirbelkanal der Wirbelsäule. Es enthält Nervenstränge, die Gehirn und Körper miteinander verbinden. Die motorischen Nerven funken Bewegungsimpulse zu den Muskeln, sensible Nerven wiederum leiten Informationen wie Schmerz, Druck oder Temperatur zum Gehirn. Die autonomen Nerven steuern unter anderem das Herz-Kreislaufsystem, die Verdauungsorgane sowie Blase und Mastdarm. Diese Funktionsbereiche sind bei einer Querschnittlähmung mehr oder weniger gestört. Das heißt, neben der Lähmung von Armen und Beinen können auch Atembeschwerden sowie unter anderem Inkontinenz, und zwar sowohl Harninkontinenz und Stuhlinkontinenz als auch Mischformen von beiden auftreten.

Was sind die Ursachen?

In Deutschlang sind jährlich rund 2.000 Menschen oftmals aufgrund eines Unfalls im Straßenverkehr oder beim Sport neu querschnittgelähmt. Man spricht in diesen Fällen von einer traumatischen Querschnittlähmung. Sie trifft vor allem Männer um die 40. Da das Rückenmark geschützt in dem knöchernen Wirbelkanal liegt, werden seine Nervenbahnen in der Regel nicht direkt durchtrennt. Die Verletzungen werden vielmehr durch gebrochene Wirbelkörper hervorgerufen. Bei den anderen Betroffenen dagegen, sie machen gut die Hälfte aus, sind Tumore, Durchblutungsstörungen oder Entzündungen des Rückenmarks, die beispielsweise bei der Kinderlähmung oder Multiplen Sklerose auftreten können, oder ein Bandscheibenvorfall Ursache einer so genannten nichttraumatischen Querschnittlähmung. In seltenen Fällen ist die Querschnittlähmung angeboren. Und zwar wenn sich in der embryonalen Entwicklung m Mutterleib das Neuralrohr, das sich später zum Rückenmark entwickelt, nicht schließt und ein Wirbelspalt offen bleibt. Werden bei dieser als Spina Bifida bekannten Fehlbildung Nerven geschädigt, kommt das Kind querschnittgelähmt auf die Welt.

Welche Formen gibt es?

Je nachdem, auf welcher Höhe und wie schwer das Rückenmark der Betroffenen beschädigt ist, ist das Querschnittsyndrom, so der moderne Oberbegriff für Querschnittlähmung, komplett oder inkomplett. Im ersten Fall sind unterhalb der letzten beiden Wirbelkörper (Kreuzbeinwirbel 4 und 5) sämtliche motorische und sensible Funktionen ausgefallen. Das heißt, in der Anusregion funktioniert der Schließmuskel nicht. Die Betroffenen fühlen dort auch nichts mehr. Bei einer inkompletten Querschnittlähmung dagegen sind noch teilweise Muskelaktivitäten und/oder sensibles Empfindungsvermögen vorhanden. Die wichtigsten Unterschiede der verschiedenen Querschnitt-Formen:  Bei einer kompletten oder inkompletten Tetraplegie ist das Rückenmark im Halsbereich verletzt. Arme, Beine und der gesamte Rumpf sind ganz oder zum Teil gelähmt, wobei auch die Atemmuskulatur betroffen sein kann. Hat das Rückenmark in Höhe der Lendenwirbelsäule Schaden erlitten, sind beide Beine und Teile des Rumpfes gelähmt. Diese Form der Querschnittlähmung wird in der Fachsprache Paraplegie genannt. Die Vorsilben „Para“ und „Tetra“ stammen aus dem griechischen und beziehen sich auf die Anzahl der gelähmten Gliedmaßen.

Was sind die Folgen?

Der Verdacht einer Querschnittlähmung ergibt sich meistens aus dem Unfallgeschehen und einer ersten Untersuchung. Das genaue Ausmaß und die Schwere der bleibenden Behinderungen werden allerdings oft erst Wochen nach einer Rückenmarkverletzung sichtbar. Unmittelbar nach einem Unfall erleidet der Betroffene einen so genannten spinalen Schock. Er fühlt zunächst unterhalb der Stelle, an der das Rückenmark verletzt ist, nichts mehr. Das heißt, sämtliche Nervenfunktionen sind ausgefallen. Das ist ein akuter und lebensbedrohlicher Notfall und muss auf einer Intensivstation behandelt werden. Diese Phase einer Querschnittlähmung ist allerdings vorübergehend. Er kann binnen weniger Stunden oder Tage vorüber sein, aber auch Wochen oder gar Monate anhalten. Erst wenn sie allmählich abklingt, zeigt sich, welche Körperbereiche gelähmt sind, ob noch Restwahrnehmungen und/oder Reflexe vorhanden sind beziehungsweise wiederkehren. Die zunächst schlaffe Lähmung, bei der sich im gelähmten Körperbereich keinerlei Muskel mehr rührt, kann sich nach Wochen in eine spastische Lähmung wandeln. Die Muskeln sind krankhaft und angespannt und verkrampft. Es kommt dabei zu unwillkürlichen Muskelbewegungen, die der Betroffene nicht kontrollieren kann. In der Akutphase leiden die Betroffenen unter schweren Beeinträchtigungen, die sich in der Regel – in individuellem Ausmaß – bessern. Sie reichen von Lähmungen der Gliedmaßen, Störungen von Atmung, Herz-Kreislauf sowie Sensibilitäts- und Schmerzwahrnehmungen. Da Querschnittgelähmte auch zu starken Druck auf der Haut beim Sitzen oder Liegen nicht mehr spüren, müssen sie insbesondere vor Druckstellen und -geschwüren geschützt werden. Bei fast allen querschnittgelähmten Menschen ist die Blasenfunktion und Darmausscheidung gestört. Die Folge sind bleibende Harn- und Stuhlentleerungsstörungen. Dadurch kann es immer wieder zu Harnwegsinfekten kommen. Meist funktioniert das „normale“ Wasserlassen auf dem natürlichen Weg nicht mehr. Die Betroffenen müssen lernen, dass sie mit vielen Dingen, für sie früher einfach und selbstverständlich waren, neu umgehen und ein Leben lang beibehalten müssen. Auch das sexuelle Erleben des Körpers ist bei den meisten Betroffenen in Mitleidenschaft gezogen.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Menschen mit einer Verletzung des Rückenmarks sollten in einem spezialisierten Querschnittzentrum versorgt werden. Bevor die Ärzte entscheiden, welche Behandlung für den betreffenden Patienten sinnvoll ist, nehmen sie umfassende Untersuchungen vor: Sie bestimmen die verbliebende Muskelkraft in den Körperbereichen unterhalb der Rückenmarkverletzung und testen, inwieweit noch Reflexe und Empfindungsvermögen vorhanden sind. Beeinträchtigungen der Organe stellen sie unter anderem mit Ultraschalluntersuchungen von Nieren, Blase und Harnwegen sowie Messungen von Herzfrequenz und Blutdruck fest. Röntgenbilder der Wirbelsäule zeigen knöcherne Verletzungen der Wirbelkörper. Mithilfe der Computer- und Magnetresonanztomografie machen sich die Mediziner ein Bild darüber, wo genau das Rückenmark beschädigt ist und in welchem Ausmaß. Anhand der bildgebenden Verfahren entscheiden sie zum Beispiel, ob eine Operation sinnvoll ist. Das ist besonders bei instabilen Wirbelbrüchen der Fall, das heißt, wenn Bruchstücke des Wirbelköpers das Rückenmark zusätzlich verletzen können. Sie müssen so schnell wie möglich operiert werden, um die Gefahr von Sekundärschäden zu verhindern oder möglichst zu begrenzen. Das ist der erste wichtigste Schritt der Behandlung.

Wie sieht die Behandlung aus?

Bei jedem zweiten durch einen Unfall querschnittgelähmten Menschen müssen die Ärzte beispielsweise auch Verletzungen des Schädels, des Brustkorbs, Bauchraums oder Knochenbrüche behandeln. In der akuten Therapie erhalten sie oftmals innerhalb der ersten 24 bis 48 Stunden hochdosiert Kortison, um Schwellungen zu verhindern. Fachgesellschaften sprechen sich allerdings inzwischen gegen die Gabe von Kortison aus, weil der Nutzen der Therapie nicht ausreichend belegt ist. Schmerzmittel lindern die Beschwerden. Alle zwei bis drei Stunden müssen die Betroffenen in einem Spezialbett umgelagert werden. Dieses Vorgehen heißt Lagerungsbehandlung und dient dazu, sogenannte Lagerungsschäden zu vermeiden, den Kreislauf zu verbessern und vor allem Druckschäden der Haut zu vermeiden. In der ersten Zeit erfordert die Behandlung Ärzte verschiedener Fachdisziplinen, denn meist sind sehr viele Organsysteme, die vom Rückenmarksnerven gesteuert werden, in ihrer Funktion gestört. Oftmals ist der Herzschlag verlangsamt oder der Blutdruck gefährlich niedrig, was die Gabe von bestimmten Medikamenten nötig macht. Da sich in den Gefäßen von Querschnittgelähmten häufig lebensgefährliche Blutgerinnsel bilden, müssen sie Arzneien zur Blutverdünnung einnehmen. In der Regel ist auch die Blase gelähmt und die Darmentleerung erschwert, was mit einem Blasenkatheter, Medikamenten oder Einläufen  therapiert wird. Bei Patienten mit einer Tetraplegie, bei der der ganze Rumpf ganz oder teilweise gelähmt ist, kann die Atemmuskulatur geschwächt sein. Das ist meistens vorübergehend, erfordert aber eine vorübergehende oder andauernde maschinelle Beatmung.

Was passiert in der Rehabilitation?

Eng verzahnt mit der Akut-Behandlung sind erste Schritte der Rehabilitation, die in der Regel schon in der Akutphase auf der Intensivstation vorgenommen werden. So wird er eingangs erwähnte Martin Kriegel bereits eine Woche nach seinem Unfall in eine Klinik in Duisburg verlegt. Insgesamt dauert die Rehabilitation danach noch vier bis sechs Monate bei einer Paraplegie und acht beziehungsweise oft noch mehr Monate, wenn eine Tetraplegie vorliegt. Physio- und Ergotherapeuten trainieren und stärken mit gezielten Übungen noch intakte Muskeln sowie die Restfunktionen der gelähmten Muskeln. Funktioniert  noch ein Teil der Nervenzellen, können Betroffene, deren Gliedmaßen gelähmt sind, sogar neue Bewegungen erlernen und natürliche Bewegungsabläufe trainieren. Das nennt man „das Nervensystem ist plastisch“, es kann also teilweise „umlernen“. Eine Atemtherapie ist besonders für Betroffene wichtig, deren Atemmuskulatur betroffen ist. Die Patienten lernen auch, wie sie selbst einen keimfreien Einmalkatheter in die Blase einführen können um den Harn zu entleeren. Ein wesentlicher Aspekt in der Behandlung ist die psychotherapeutische Begleitung, um sich mit der Behinderung, die das bisherige Leben völlig auf den Kopf stellt, auseinandersetzen sowie die dringend erforderliche Krankheitsverarbeitung zu fördern und zu begleiten. "Mein Leben hat eine 180 0 Wendung gemacht und ich bin von ,selbstständig in allen Bereichen’ auf ,oftmals auf Hilfe angewiesen’ zurückgefallen", sagt Marcus Kriegel im eingangs erzählten Fallbeispiel und Interview auf der Website von Wings für Life. "Ich muss mich immer noch daran gewöhnen, Hilfe anzunehmen beziehungsweise danach zu fragen."

Wie ist die Prognose?

Immerhin können 20 bis 30 Prozent der Patienten mit einer Tetraplegie, die also vier gelähmte Extremitäten haben, die Bewegungsfähigkeit verbessern und die Körperfunktionen eher kontrollieren. Dennoch: 70 Prozent der Menschen mit einer Querschnittlähmung bleibt ein Leben lang auf den Rollstuhl angewiesen. Er ist sicher eines der wichtigsten Hilfsmittel im Alltag der Betroffenen. Liegt eine inkomplette oder im Rückenmark sehr tief ansetzende Querschnittlähmung vor, können Orthesen die Beine beim Gehen unterstützen. Kissen und Schaumstoffkeile für die Lagerung im Bett sowie Spezialmatratzen wirken dem Wundliegen entgegen.

Wichtigstes urologisches Hilfmittel der Betroffenen ist der Einmalkatheter, wie eine Multicenterstudie mehrerer beteiligter Kliniken in Deutschland zur Ermittlung des täglichen Bedarfs an urologischen Hilfsmitteln gezeigt hat. Nach den im Jahre 2016 publizierten Ergebnissen mussten mehr als zwei Drittel der knapp 800 an der Studie beteiligten Patienten ihre Blase mittels Einmalkatheter entleeren. Einige Patienten benötigen zusätzliche Inkontinenzprodukte wie Einlagen, Vorlagen, Inkontinenzslips oder –pants, die Urin aufsaugen oder ein für Männer geeignetes Urinalkondom, um die Folgen der Harninkontinenz weiter zu minimieren.

Das neue Leben anzunehmen und sich zu gewöhnen, vieles neu zu lernen, was früher von allein funktionierte, ist eine enorme Herausforderung. Marcus Kriegel hat sich auf den Weg gemacht in ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben. Er sagt: "Ich will so normal wie möglich am Leben teilnehmen und mich nicht Zuhause verkriechen."